wenn selbst richtig falsch ist

Kann man eigentlich noch irgendetwas richtig machen? Das soll jetzt keine trotzige Frage sein, die man eher schreit als stellt, sondern eine ganz neutrale, ernst gemeinte Frage: Was ist heute denn noch richtig?

 

Hört sich ein wenig abstrakt an, ich weiß. Hier ein paar Beispiele, was genau ich damit meine.

Quelle: Unsplash @jentheodore

Wie wir mittlerweile alle wissen, haben Joko & Klaas vor kurzem 15 Minuten frei verfügbare Sendezeit auf ProSieben gewonnen, in denen sie ihre Ausstellung Männerwelten präsentierten, bzw. präsentieren ließen. Die Autorin und Journalistin Sophie Passmann führte den Zuschauer durch verschiedene Räume, die zeigten, was Frauen noch immer Tag für Tag erleben: von sexistischen Kommentaren unter Instagram-Posts über Dick Pics, die man ungefragt zugeschickt bekommt, bis hin zur Kleidung, die sie trugen, als sie vergewaltigt wurden. Für viele Männer ein Schock, für viele Frauen Realität. Zur besten Sendezeit rückten Joko & Klaas ein Problem ins Scheinwerferlicht, das nicht die Hälfte der Bevölkerung, sondern alle betrifft. Sie haben Millionen von Menschen erreicht und hoffentlich auch wachgerüttelt. Sie haben etwas richtig gemacht. Kritik folgte prompt: Vor ein paar Jahren präsentierten sie sich selbst bei einer Erotikmesse als die Art Mann, die sie jetzt an den Pranger stellten. Sie arbeiteten für die Ausstellung mit der Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes zusammen, die wegen Transfeindlichkeit bereits in der Kritik stand. Außerdem fokussierten sie sich ausschließlich auf Frauen und ließen viele andere außen vor, die ebenfalls jeden Tag Diskriminierung und Belästigung erfahren. Ja, stimmt. Alles stimmt. Und auch auf diese Probleme sollte in gleichem Maße aufmerksam gemacht werden. Sie hatten aber nunmal nur 15 Minuten Sendezeit und beschlossen, sich bei ihren „Männerwelten“ gezielt auf Frauen zu konzentrieren. Diese Tatsache macht die ganze Sache aber nicht zu etwas Falschem. Nach einem kurzen „Danke“ der Zuschauer lag der Fokus auf dem, was sie nicht bzw. falsch gemacht haben. Nicht einmal das Richtige war richtig genug.

Das Gleiche gilt für Corona: Was die Regierung auch beschließt, sie können es nicht richtig machen. Sie werden immer jemandem auf die Füße treten. Dabei beschließen sie die Beschränkungen ja nicht aus Jux und Tollerei. Sie möchten die Bevölkerung schützen und vertrauen dabei auf die Wissenschaft, die übrigens auch nichts richtig machen kann, wie der aktuelle Fall Bild vs. Drosten zeigt. Das Virus gibt es erst seit ein paar Monaten und dass Forschungsergebnisse nach kurzer Zeit möglicherweise bereits wieder überholt sind, ist in der Wissenschaft und besonders in der aktuellen Situation nichts Ungewöhnliches. Es wird schließlich unter Hochdruck und mit Höchstgeschwindigkeit geforscht, sodass wir so schnell wie möglich wieder ohne Beschränkungen leben können. Anstatt Wissenschaftlern und Politikern zu drohen und gegen alle Maßnahmen zu protestieren, könnten wir doch auch einfach einmal Danke sagen: Danke dafür, dass die Gesundheit der Bevölkerung für die Regierung an erster Stelle steht. Danke dafür, dass die Wissenschaftler Tag und Nacht forschen, um diese Krise so schnell wie möglich für uns zu beenden. Danke dafür, dass sie trotz aller Kritik von niveaulosen Boulevardzeitungen und fehlendem Respekt immer weitermachen. Ich hätte schon längst das Handtuch geworfen.

Quelle: Unsplash @lishakov

Auch in unserem Alltag wissen wir nicht mehr, was denn noch richtig genug ist. Auf Plastik verzichten: richtig. Avocados essen: falsch. Fahrrad statt Auto: richtig. In den Urlaub fliegen: falsch. Sobald wieder ein Strich auf der Falsch-Seite landet, fühlen wir uns schlecht. Doch wie viele Striche muss man auf der Richtig-Seite aufweisen, um wirklich sagen zu können, das Richtige zu tun? Oder ist es in unserer heutigen Welt schlicht nicht mehr möglich, immer zu 100 % das Richtige zu tun? Ein Sprichwort sagt: Einen Tod muss man sterben. Und ich glaube, dass das den Nagel mittlerweile ganz gut auf den Kopf trifft. Denn nur, weil nicht alles was wir tun richtig ist, sind die guten Dinge doch noch immer richtig. Vielleicht sollten wir uns öfter darauf konzentrieren und uns selbst nicht ständig unter Druck setzen, alles richtig machen zu wollen. Denn sogar die kleinsten richtigen Dinge können schon etwas verändern.

© 2020 by Anna Rothärmel